Donnerstag, 19. Januar 2006 1:09
Auf meiner Schule war es eine Zeit lang angesagt, sich vom evangelischen Religionsunterricht abzumelden, um den Unterricht bei Wolfgang Gramer, dem Mann mit der Lizenz für die katholischen Standpunkte, zu besuchen. Gute Diskussionen, guter Unterricht, spitze Typ, unglaublich funkelnde Augen und eine noch unglaublichere Frisur.
Ein guter Pfarrer, ein hervorragender Organist. Wenn er bei den Chorkonzerten in der Marienkirche am Positiv saß, mit roten Socken, konnte nicht mehr viel schiefgehen.
Es war ein schwerer Schlag für uns, als er nach Gemmrigheim ging. Einmal hatten wir ihn in der Schule auf dem Gang überfallen, um ihn für eine Umfrage zu interviewen: “Was halten Sie von körperlicher Bestrafung?” Seine Antwort: schlecht, aber noch viel schlimmer ist Psychoterror.
Das war so cirka 1981/82, noch lange bevor wir den Schulbetrieb aus Protest gegen Pershing-Raketen stilllegten.
Und lange vor meinem Aufenthalt in Windsbach und Heilsbronn beim Windsbacher Knabenchor. Da hatte ich 1994 CD-Recording mit Karl-Friedrich Beringer. H-moll-Messe. Sagenhaft. Christine Schäfer ud Thomas Quasthoff quasi in den Startlöchern für die ganz großen Karrieren. Ingeborg Danz schon voll auf dem Weg. Dazu die Läubin-Brüder an den Trompeten. Ein Traum.
Schon damals gab es die Geschichten: jetzt scheißt er sie wieder zusammen. Jetzt kracht es wieder. Mitten in der Aufnahme-Session, wenn es nicht lief wie gewünscht, mußte der Knabenchor raus. Ab in den Nebenraum. Dort fand irgendetwas statt, danach ging es weiter. Meist besser.
Uns als Musiker hat es nicht direkt betroffen. Weder waren wir gefragt in dem Moment, noch konnten wir es einschätzen. Und in Ruhe gelassen hat uns Beringer sowieso. Er wußte genau, wo die Grenze war.
Am vergangenen Samstag konnte ich auf einer ganzen “Bayern”-Seite in der Süddeutsche Zeitung lesen, was sich dort wohl abgespielt hat. Und seitdem immer wieder.
Psychoterror?
Wutanfälle?
Hänseleien?
Einzelne rausgreifen und bloßstellen?
Gewalt?
Minderjährige?
Schutzbefohlen?
Abhängig, weil vielleicht aus kleinen Verhältnissen - Stipendium inklusive?
Die Landeskirche zahlt die Ausbildung?
Oder eine Stiftung?
Mercedes-Benz Nürnberg stellt den Bus?
Quelle die Hotelkosten?
Irgendwie tut es weh. Das Bach-Projekt habe ich geliebt. Mit dem Chor war es schön. Die Tournee gut. Düsseldorf, Ansbach, Ottobeuren und Passau werde ich nie vergessen. Kurz danach wurden alle nochmal zusammengetrommelt: Trauerfeier für Grete Schickedanz in Fürth. Wir wollten in “Otto - find ich gut”-T-Shirts hingehen. Haben wir natürlich nicht gemacht.
Jetzt habe ich selbst Kinder. Die Verhältnisse in der Bayerischen Landeskirche kenne ich nicht, aber die in der Rheinischen und der Württembergischen kann ich herbeten. Und ich kenne Leute, die direkt ins Berufungsverfahren beim Dresdner Kreuzchor Einblick hatten, als KF Beringer dort im Rennen war. Sehr gut im Rennen sogar. Schlußendlich wollte er nicht nach Dresden.
Warum? Hätte er seine Methoden ändern müssen? Hätte dort jemand “Gewalt” oder “Grenzüberschreitung ” anders definiert?
Die Bayerische Landeskirche hat diese Frage nicht beantwortet. Sie wird nicht darum herumkommen. Auch wegen Windsbach. Es muß eine Zeit “danach” geben können, bevor der Ruf ruiniert ist.
Meine CD-Sammlung, Abteilung “selbst mitgewirkt”, hat schlagartig an Wert verloren. Aber das ist nichts gegenüber dem, was Beringer mit seinem Lebenswerk gemacht hat.